Ein Kind steht allein am Rand eines leeren Schulhofs
Warum passe ich nicht rein?

Die Angst vor der großen Pause

Es klingelt zur großen Pause. Für die anderen heißt das: raus! Laufen, brüllen, Fußball spielen, Rangordnung testen. Für mich heißt es: Bühne ohne Textbuch. Alle kennen das Stück, nur ich nicht. Und schlimmer: Alle merken, dass ich es nicht kenne. So geht es mir jeden Tag, von Montag bis Freitag. 25 Minuten Hölle in Schulhoffarben.

4. Oktober 2026·Nele Nikolaisen·5 Min. Lesezeit

Allein auf dem Schulhof

Ich stehe in den Arkaden – zusammen mit den anderen, die auch nicht reinpassen: Arne ist zu groß und zu schwer für zwölf Jahre. Jan redet über nichts anderes als den Spinosaurus aegyptiacus. Steffie trägt schwarzen Lippenstift und wird mal Ville Valo heiraten. Und Karina ist einfach nur neu und hat den richtigen Moment verpasst.

Für die anderen – die, die auf dem Pausenhof Ball spielen und Diddl-Blätter tauschen und für Josh Hartnett schwärmen – ist die große Pause Freiheit. Die Lehrkraft ist weg, die Pausenaufsicht mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Jetzt darf alles stattfinden, wofür das Klassenzimmer keinen Raum bietet.

„Persönlichkeitsentwicklung“, nennen die Experten das: „Lernen von sozialen Strukturen“. Für mich ist es: Chaos. Magenumdrehendes, in-den-Ohren-brennendes Chaos. Karina wagt einen Versuch bei der Queen-B der 7c, Annika Mommsen. Ich finde Karina verdammt mutig.

Ein Schulhof voll unsichtbarer Regeln

Ich liebe den Unterricht. Natürlich nicht alles: Mathe verursacht mir bis heute Nasenbluten. Aber trotzdem weiß ich im Unterricht, was von mir erwartet wird. Es gibt klare Regeln, die Lehrkraft hat das Sagen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein Gruppenprojekt. Aber auch da gibt es Regeln, denn am Ende muss ein Ergebnis stehen.

In der großen Pause gibt es keine Regeln. Jedenfalls keine offensichtlichen. Und während ich mich noch frage, was ich mit meinen Händen machen soll (in die Hosentaschen? Arme verschränken?), hat Annika der Neuen mit einem halben Lächeln und abgewandtem Blick signalisiert, dass sie nicht willkommen ist.

Karina kehrt mit gesenktem Kopf in die Arkaden zurück. Auch ich weiche jetzt ihrem Blick aus. Auch ich versuche Annikas halbes Lächeln. Sicher ist sicher.

Ein Kind steht allein am Rand eines leeren Schulhofs
Kinder, die ihre Umwelt anders wahrnehmen, sind im Schulalltag oft allein. Erstellt mit Midjourney (V8) von Nele Nikolaisen.

Niemand erklärt die Pause

Im Unterricht ist man beschäftigt. Man sitzt, schreibt, rechnet, liest. Die Welt ist in klar voneinander getrennte Blöcke gegliedert: Mathe, Deutsch, Englisch. Jeder Block hat Regeln, einen Anfang, ein Ende. Es ist ätzend, aber es gibt Halt.

Die Pause funktioniert nach anderen Regeln. Regeln, die Arne ausschließen, die Jan nicht versteht, die Steffie egal sind, und die Karina einen Stempel aufdrücken, noch bevor sie den Mund aufgemacht hat.

Wohin mit meinen Händen?

Ich hasse meine Hände. Wenn ich nicht verflixt aufpasse, renne ich rum wie ein T-Rex.

Ich beobachte die anderen. Woher wissen die, wohin sie hingehören? Nicht jede Gruppe nimmt einen auf. Und nicht jede Gruppe sagt das laut. Manche warten, bis man es selbst begreift. Sie tuscheln dabei und werfen sich seltsame Blicke zu. Manchmal lachen sie sogar. Das Lachen trifft einen im Rücken, wenn man weggeht. Noch heute schlägt mein Herz schneller, wenn jemand hinter mir lacht.

Das Drehbuch, das fehlt

Die anderen lernen Pausenregeln nicht bewusst. Sie absorbieren sie. Wie die Sprache, die die Eltern sprechen. Sie wissen, wann man sich einfügt, wann man weiterspielt, wann ein Witz witzig und wann Lachen sicher ist.

Ich lerne die Pausenregeln wie eine Fremdsprache. Ich beobachte: Ursache, Wirkung. Manchmal mache ich Fehler, schmeiße die Kategorien durcheinander. Denn Körpersprache ist für mich wie Finnisch oder Mandarin.

  • Wann lächle ich, wann nicht? Ein halbes Lächeln kann einladen oder abschrecken – und ich sehe den Unterschied nicht.
  • Wie lange muss ich jemanden anschauen? Bevor ich wieder weggesehen darf, ohne unhöflich oder verängstigt zu wirken?
  • Wann darf ich reden, wann der andere? Woher weiß ich, wann ich wieder dran bin? Wann ist es besser, gar nicht erst anzufangen?
  • Und wieder: Wohin mit meinen Händen, während ich spreche? In die Taschen? Verschränkt? Sie gestikulieren lassen?

Lächeln, wenn alles brennt

Karina geht wieder los. Wahrscheinlich hat ihr noch niemand gesagt, dass es sinnlos ist. Ich reibe mir die Ohren: Sie tun weh, denn der Schulhof ist laut. Gebrüllte Halbsätze, Gummisohlen auf Asphalt, und aus irgendeinem Discman in der Nähe säuseln die Backstreetboys. Als ein Ball gegen die Wand neben mir klatscht, stolpere ich rückwärts gegen Jan. Jan will mir sofort vom Spinosaurus aegyptiacus erzählen, aber ich habe keine Lust. Eigentlich mag ich Jan. Aber heute bin ich wütend auf ihn, weil sein Leben so einfach ist.

Jan stört es nicht, dass die anderen ihn komisch finden. Mich stört es extrem. Ich will so sein wie sie: normal. Und manchmal ahme ich die anderen Kinder nach. Ich lache wie Annika Mommsen, trage meine Haare wie Julia Petersen und kichere wie Svenja Hansen, wann immer ein Junge in meiner Nähe ist.

Aber Nachahmung ist harte Arbeit. Denn ich muss mich darauf konzentrieren, anders zu sein, als ich bin, während

  • ich jedes Gespräch um mich herum gleichzeitig wahrnehme. Stimmen, die alle gleich laut klingen, obwohl sie weit entfernt sind.
  • ich überall Gefahren sehe: Körper, die sich auf mich zu bewegen, fliegende Bälle, spöttisch gekräuselte Mundwinkel.
  • mir die Sonne in den Augen brennt und mir übel wird, weil Sofie aus der Parallelklasse es mal wieder mit Impulse Vanilla Kiss übertrieben hat.

Ich will in den Schatten. Ich will mir die Ohren zuhalten und die Augen zumachen. Aber ich will nicht komisch sein. Also lächle ich. Aber das Lächeln fällt mir aus dem Gesicht, denn Karina steht schon wieder bei Annika Mommsen. Ich muss wegschauen, denn ich schäme mich für Karina.

Die Angst vor der Pause macht krank

Kann sein, dass ich morgen krank bin. Andere Kinder sagen „Ich habe Bauchschmerzen“, weil sie Angst vor Mathe oder Sport haben. Ich habe Angst vor der großen Pause. Und meine Bauchschmerzen sind nicht gelogen: Die habe ich fast immer. In der großen Pause. Wenn ich eine Arbeitsanweisung nicht verstanden und Angst habe, nachzufragen. Wenn ich auf eine Geburtstagsfeier eingeladen bin – denn auch da gibt es unsichtbare Regeln. Aber die sind wieder anders.

Meine Mutter sagt, ich soll einfach mitspielen. Aber ich weiß nicht, wie das geht.

Meine Oma sagt, die anderen Kinder haben Angst vor mir. Aber ich glaube, sie verwechselt das: Ich habe Angst vor denen.

Annika Mommsen lacht über etwas, das Karina gesagt hat. Karina lächelt. Sie hat es geschafft.

Ich wäre auch so gerne wie Karina.

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